Jan
3
2011
Kürzlich schlug in meinem Blog ein Kommentar auf, der mich zu mehr Demut aufrief. Ich hatte mich abfällig über das Mormonentum geäußert und damit wohl einen Nerv bei einem Leser getroffen. Sein Wortlaut war:
Deine Welt scheint entweder nur ganz schwarz oder ganz weiss sein zu können.
Die Tatsache, dass es bisher niemand kommentiert hat, lässt mir die Hoffnung, dass eigentlich niemand ernst genommen hast, was Du sagst.
Mit Objektivität oder gar Nachdenken vorm Schreiben hat es nichts zu tun.
Ich mache Dir einen tollen Vorschlag: Du informierst Dich besser, bevor Du Blödsinn hoch drei zum Besten gibst. (Ein wenig mehr Demut hätte nicht geschadet...)
Das Neue Jahr eignet sich gut, um gute Vorsätze zu fassen. Du beleidigst meinen Verstand mit Deinem "Artikel".
Wer mein Blog liest weiß, dass ich gelegentlich bissig werden kann wenn es um Religion geht. Das hat eine ganze Reihe von Gründen, allen voran jedoch steht das Denk- und Zweifelverbot welches unterschwellig immer wieder mit “Religion” kombiniert wird. Sobald jemand einer Religionsgemeinschaft angehört, darf er sich beleidigt fühlen und sogar wütend werden wenn man seine Glaubensinhalte anzweifelt. Das geht so weit, dass der Begriff der Gotteslästerung in vieler Staaten Gesetzbüchern steht und für manche Äußerungen Menschen geächtet oder gar bedroht werden.
Aber zurück zum Kommentator. Dieser riet mir zu mehr Demut. Ich warf also einen Blick auf die dazugehörige Begriffsdefinition:
Der Ausdruck Demut kommt aus dem althochdeutschen diomuoti („dienstwillig“, also eigentlich „Gesinnung eines Dienenden“) und wurde von Luther zur Übersetzung der biblischen Ausdrücke tapeinophrosyne (griechisch) bzw. der lateinischen Übersetzung humilitas benutzt. Im christlichen Kontext bezeichnet es die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer analog des Verhältnisses von Knecht zum Herrn, allgemeiner die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“, möglicherweise auch die Ergebenheit, die in der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründet ist.
Wenn ich mir diese Definition durchlese und deren religöse Basis nehme, dann habe ich als Atheist so meine Probleme damit. Ich kann zu keinem Schöpfer demütig sein, da ich selbst es als erwiesen ansehe, dass es keinen Schöpfer gibt. Natürlich kann ich Demut vor sittlichen Idealen oder erhabenen Vorbildern haben. Nur suche (und finde) ich die nicht unbedingt in Religionsdoktrinen.
Gehen wir also daher davon aus, dass der Schreiber eher den Begriff “Respekt” meinte, also Respekt gegenüber den Glaubensinhalten auf die ich mich bezog und Respekt gegenüber den Menschen, die diesen Inhalten anhängen.
Mal sehen… mein Originalpost bezog sich ja auf Mormonen und Scientologen. Ich hatte Dinge geschrieben mit denen ich des Schreibers “Verstand beleidigt” hätte.
Hier ein paar Ausschnitte aus dem Wikipedia Artikel zum Mormonentum:
Das Buch Mormon beschreibt in Ergänzung und Fortsetzung der Bibel die Besiedlung Amerikas und die Geschichte vergangener amerikanischer Kulturen. Eine erste Siedlungswelle habe bereits unmittelbar nach dem Turmbau zu Babel stattgefunden; […] Diese zweite Welle geschah nach der Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar II. […] 598 v. Chr. Die Auswanderer gehörten zu den Verlorenen Stämmen Israels, und teilten sich laut dem Buch Mormon in die Nephiten, die die Gebote Gottes hielten, und die vom Glauben abgefallenen Lamaniten. Erstere wurden von Jesus Christus unmittelbar nach seiner Auferstehung besucht, wobei er ihnen einen Kern des Evangeliums vermittelte, bevor er in den Himmel auffuhr. Im 5. Jahrhundert sei es zum Kampf zwischen den Gruppen gekommen, wobei die Nephiten völlig vernichtet wurden. Die Lamaniten seien von Gott mit einer dunklen Hautfarbe gestraft worden. Aus ihnen seien die Indianer hervorgegangen. Der letzte überlebende Nephit sei der Prophet Moroni gewesen, der die Geschichte auf goldenen Platten in einer nur für Eingeweihte lesbaren Schrift aufgezeichnet hätte. Diese Platten habe der als Engel auferstandene Moroni 1827 Joseph Smith, jr. gezeigt, welcher sie in die englische Sprache übersetzte, bevor er sie zurückgeben musste.
Im Laufe seines Lebens fasste Smith 133 weitere Offenbarungen in seinem mehrfach ergänzten und überarbeiteten Werk Lehre und Bündnisse zusammen. Darunter […] die Regelungen zur Mehrfachehe und die Taufe Verstorbener […]. Smith kaufte eine Sammlung altägyptischer Papyri von einem Händler und veröffentlichte das Buch Abraham, […]
In Ordnung, nehmen wir also mal hin, dass die Mormonen von einer Besiedlung Amerikas durch Israeliten 598 v. Chr. ausgehen. (Kennt jemand eine wissenschaftliche Untersuchung, die das auch nur entfernt stützen könnte?)
Aber die Annahme, eine dunkle Hautfarbe sei eine Strafe Gottes? Klingt das nur für mich rassistisch?Mehrfachehe? Verstorbenentaufe?
Auch klingt die Entstehungsgeschichte des Buchs Mormon eher wie die eines geschickten SF Autors… Da geht jemand hin und schreibt Erweiterungen zu Bibel und – kabumm – eine Religion ist gestiftet?!
Liest man sich in das Umfeld der Mormonen ein, jagt eine Kuriosität die andere. Ein paar Beispiele:
- 1993 lassen die Mormonen eine Stellvertretertaufe Hitlers durchführten. Selbst wenn ich akzeptiere, dass Mormonen post-mortem taufen (auauauaua)… wie genau sieht dann die Argumentationskette aus mit der sie Holocaust-Prominenz durch die Zeremonie schleusen?
- Ein traditionelles Tempelgarmet, auch bekannt als Magic Underwear, dient dazu den Träger vor allem möglichen spirituellen und weltlichem Übel zu schützen…
- Polygamie ist ein ganz besonders interessantes Thema der Mormonen: Joseph Smith selbst hatte angeblich eine Offenbarung empfangen, die mehrfache Ehe erlaubte. Über diesem Thema streiten sich die Gläubigen seitdem. Während inzwischen die offizielle Doktrin die Monogamie hochhält, haben sich einige Splittergruppen gebildet in denen Polygamie weiter fortexistiert. Selbstverständlich sind es die Männer, die mehrere Frauen haben und nicht umgekehrt… :-S
- Es gibt einen Urplaneten (oder Urstern) namens Kolob auf dem (oder in dessen Nähe) Gott mit seinen vielen Frauen lebt. Die Erde sei nur eine von vielen Planeten, die Jesus erschaffen habe um Menschen darauf anzusiedeln. Siehe dazu auch den Wikipedia Eintrag zur mormonischen Kosmologie. Menschen können durch richtiges Leben selbst zu Göttern werden und ihren Erschaffern nacheifern…
Ich habe mich übrigens tatsächlich durch die Online-Version des Buches Mormon geklickt. Es möge sich jeder seine eigene Meinung dazu bilden und mich auf die Zeilen hinweisen, durch die das Christentum bereichert wird…
Es gibt auch eine Reihe Filme auf der offiziellen mormonischen Webpräsenz. Hier z.B. ist die Geschichte der Kirche beschrieben: http://www.mormonen.de/ueber-die-kirche/informationsfilme/geschichte/.
Mein Eindruck: Der gute Joseph war ein Charismatiker, der die Lizenz zum Gelddrucken fand indem er eine Religion gründete. Bequemerweise mußte er ja nichts beweisen. Die ominösen Platten, die er übersetzt hatte, mußte er nie vorzeigen, selbstredend bedarf auch keine seiner Offenbarungen irgendwelcher Beweise... Wenn Gott mit uns reden will, tut er das ja nie für alle sichtbar... Nein, er sucht sich einzelne Individuen und verschafft selbigen Visionen und den Auftrag, diese Visionen zu teilen. Praktisch, oder?
Recht skurril sind da beispielsweise auch die Papyri die er seinerzeit erwarb und in drei Tagen übersetzt haben soll. Erfreulicherweise fand er Schriften aus dem Buch Abraham darin und nahm sie zum Anlaß weiterer Veröffentlichungen…
“Unbeweisbarkeit” ist natürlich ein Merkmal religiöser Weltsichten und kann ihm nicht wirklich zum Vorwurf gemacht werden… Mein Punkt ist hier auch nur, dass Joseph’s Visionen immer sehr gelegen kamen… Es möge jeder seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.
Dass seine Schriften religionsstiftend waren, gibt jedenfalls Zeugnis von dem Wunsch der Menschen, einen Teil ihrer eigenen Verantwortung an größere Wesen abzugeben und demonstriert anschaulich die Angst vor Tod incl. dem Bedürfnis nach der Aussage “Folge diesen Regeln und Du wirst ewig leben”.
Sollte ich also Demut walten lassen? Respekt?
Ich bringe Verständnis auf für die Angst, die viele Menschen umtreibt. Ich kann die Opfer und Leistungen respektieren, die Anhänger des Mormonentums bringen. Das geht mir bei allen Religionen so. Zeugen Jehovas, die sich bei Regen in der Fußgängerzohne wichtige Körperteile abfrieren oder dauerfastende Hindus beeindrucken mich bis ins Mark.
Aber: Ich bringe es beim besten Willen nicht fertig, mit meiner Meinung hinterm Berg zu halten, dass zu vielen Religionen auch gehört, seinen Verstand an der Tempeltür abzustellen. Die Menschen opfern Ratio und Selbstverantwortung um einer religiösen Gemeinschaft anzugehören und erschaffen damit eine erwachsene Version des kindlichen Wunsches nach Weihnachtswichteln und fliegendem Rentierschlitten.
Und selbst wenn ich das vielleicht noch akzeptieren kann, dann endet meine Akzeptanz dort wo Andersgläubige angegriffen oder ausgeschlossen werden.
Ich schreibe hier ein Blog und verbreite darin meine Meinung. Die ist nicht immer konsensfähig und womöglich fahre ich da auch dem einen oder anderen an den Karren. Beleidigen will ich nie, auch wenn das vielleicht bei polarisierenden Themen wie diesem passieren kann.
Das ist das Schöne an der Meinungsfreiheit. So wie jeder seine Religion vermitteln darf, habe ich das Recht, meine Zweifel daran auszudrücken.
Religionen an sich sind meiner Meinung nach ein Fluchtmechanismus geboren aus dem Wunsch nach Erklärungen, weniger Verwantwortung, klaren Regeln und dem Bedürfnis nach Unendlichkeit. Immer dann wenn eine Religion von ihren Anhängern verlangt, abstruse Behauptungen wörtlich zu nehmen und “einfach zu glauben”, habe ich ein Problem damit.
Jemand, der vor mir steht und behauptet er sei von einem Alien kontrolliert, hat meiner Meinung nach ein paar Schrauben locker und weniger Respekt als Verständnis verdient (diese spezielle Weltsicht, also von Aliens kontrolliert zu sein, stammt natürlich nicht von den Mormonen sondern von den Scientologen und ist ein polemischer Einwurf der eigentlich nichts mit der Sache zu tun hat). Wer mich dazu bringen will, eine Religion ernst zu nehmen, die auf der Annahme von israelitischen Indianern und göttlichen Planeten fußt, wird sich schwer tun… Und während er versucht, mit mir darüber zu argumentieren werde ich nach und nach den Respekt vor dem Urteilsvermögen meines Gesprächspartners (nicht jedoch vor dem Menschen an sich!) verlieren. Sorry… Ich kann nicht anders. Dafür habe ich mir selbst schon zu viele Gedanken über das Thema gemacht.