Mrz
21
2011
Ich hatte mich ja bereits darüber ausgelassen, dass wohl verstrahlte Nahrung aus Japan der nächste Aufreger sein werden. Heute steht in Spiegel.de zu lesen:
Die Strahlung aus dem Reaktorunglück hat inzwischen weitere Nahrungsmittel erreicht. Zunächst waren in Spinat und Milch aus der Umgebung des Kraftwerks, aber auch im Leitungswasser in Tokio und anderen Städten leicht erhöhte Werte gemessen worden. Regierungsvertreter beteuerten bisher, dass die Belastung unbedenklich sei. In der Präfektur Fukushima aber empfiehlt die Regierung inzwischen, das dortige Leitungswasser nicht zu trinken. Die radioaktive Belastung könnte zu hoch sein.
Am Sonntag meldeten die Behörden auch erhöhte Radioaktivität in Raps. Die kontaminierten Proben stammten aus drei Präfekturen, aus denen bisher keine derartigen Problemfälle gemeldet wurden. In Taiwan wurden am Samstag radioaktiv belastete Bohnen aus Japan gefunden. Die Werte lagen deutlich unter den erlaubten Grenzwerten und waren damit nicht gesundheitsschädlich, wie die Behörden mitteilten.
Ich habe die Teile blau eingefärbt, die meiner Meinung nach nur enthalten sind um der Meldung einen dramatisierenden Ton zu geben. So zum Beispiel die Vokabel “beteuerten” was in etwa heißt “die spielen das doch runter”. Oder die Feststellung, dass in Taiwan belastete Bohnen gefunden worden seien, jedoch die Strahlung unter den Grenzwerten gelegen hätte: Fragt sich eigentlich niemand, warum es Grenzwerte gibt? Die gibt es weil Strahlung immer auftreten kann, unter bestimmten Dosen aber als unproblematisch und natürlich angesehen wird… Nachrichtenwert also 0,0 wenn die Bohnen nicht gerade aus Japan gekommen wären…
So oder so… Bei der IAEA klingt das Ganze jedenfalls deutlich unaufgeregte:
The IAEA has received information from the Japanese Ministry of Health, Labor and Welfare regarding the presence of Iodine-131 in three milk samples tested in the town of Kawamata. The concentration is reported to be above allowed levels. Cesium-137 was detected in one sample, though in concentration below allowed levels.
In the Ibaraki prefecture, Iodine-131 and Cesium-137 have been detected in leaf vegetables such as spring onions and spinach. Some of the samples have been reported to be above the levels allowed by the Japanese food hygiene law for emergency monitoring criteria for intake of vegetables.
According to the Nuclear Safety Division, Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) analysis for Iodine-131 and Cesium-137 in tap water from 46 locations yielded the majority of samples as non-detects. Only six out of 46 exhibited any iodine-131, though the concentration was reported to be below levels allowed by the Japanese food hygiene law for emergency monitoring criteria for drinking water.
Übersetzt: Ja, es gab Radioaktivität in einzelnen Proben. Einzelne haben auch die nach japanischen Gesetzen erlaubten Grenzwerte überschritten. Bemerkenswert unterschiedlich finde ich den Absatz über Leitungswasser. Laut der IAEA sei es nämlich so, dass von 46 Proben gerade mal 6 irgend etwas enthielten und dabei die Konzentration immer noch unter den Grenzwerten gelegen hätte…
Bei NHK stehen die Werte und dass sie überdurchschnittlich seien. Den Menschen wird geraten, das Wasser in Fukushima nahen Regionen sei zwar zum Baden und Waschen geeignet, es sei auch beim Trinken keine direkte Gesundheitsgefahr, jedoch würde geraten, sicherheitshalber derzeit auf den Genuß zu verzichten.
Um einschätzen zu können wovon hier die Rede ist:
Laut nhk sei folgendes gemessen worden: 965 becquerels of iodine-131. Das sei ungefähr 3.2 mal der Wert, der normalerweise auftrete…
Was ist denn nun eigentlich Becquerel?
Mit Becquerel wird die Aktivität eines Strahlers angegeben. Kurz gesagt: Es ist eine Einheit dafür, wie viele Zerfallsakte pro Sekunde in einer Probe stattfinden. Damit wird klar, dass becquerel für sich eine relativ nutzlose Angabe sind. Es muß noch mindestens eine weitere hinzukommen: Die Halbwertszeit. Sie gibt für jedes radioaktive Element an wie lange es dauert bis die Hälfte der Atome zerfallen sind. Für das hier zitierte Jod-131 sind das etwa 8 Tage.
Um nun beurteilen zu können, ob Strahlung für den menschlichen Körper schädlich ist gibt es eine weitere Einheit von der wir recht oft in letzter Zeit gehört haben: Das Sievert. Es beschreibt die sogenannte Äquivalenzdosis. Sie ergibt sich wenn man die Menge Strahlung, die 1kg toter Materie absorbiert (sog. Energiedosis) mit einem Faktor multipliziert der die relative biologische Wirksamkeit unterschiedlicher Strahlungsarten ausdrückt, ist also eine Maßeinheit für Schädlichkeit von Strahlungswirkung.
Um auf das Ursprungsthema zurückzukomme: Interessant ist, dass in der EU für Trinkwasser ein Grenzwert für die Zerfallsaktität von 600becquerel gilt, der im Mittel mit 337unterschritten wird. Wer sich für die Meßwerte verschiedener Lebensmittel im Raum München interessiert, der wird hier fündig: http://www.umweltinstitut.org/radioaktivitat/messungen/messergebnisse-von-lebensmittel--und-materialproben-122.html
Übrigens: Nicht alles was strahlt ist gleichermaßen gefährlich. Es wird zwischen Alpha, Beta und Gamma-Strahlung unterschieden wobei Alphastrahlung von außen als ungefährlich eingestuft wird, da sie kaum Reichweite besitzt und schon ein Blatt Papier ausreicht um sie abzuschirmen. Beta- und Gamma-Strahlung sind energiereicher und damit schädlicher.
900Bq pro Liter Wasser muten jedenfalls verhältnismäßig harmlos an wenn man bedenkt, dass in Bayern Waldpilze mit lt. oben zitiertem Umweltinstitut ca. 5400Bq/kg doch um einiges höher liegen. Wildfleisch kann sogar im fünfstellingen Bereich sein (insbesondere Wildschwein scheint hier hohe Werte zu haben).
Wer Lust auf mehr Details und Hintergrund hat, wird übrigens hier fündig:
Teil der Chemievorlesung der Uni Kiel zum Thema Radioaktivität und Maßeinheiten: http://www.chemievorlesung.uni-kiel.de/1992_umweltbelastung/radio1.htm
WHO Guidelines for drinking Water Quality: http://www.who.int/water_sanitation_health/dwq/gdwq0506.pdf
Mein Fazit: Es wird wieder mal dick aufgetragen, der Schlagzeile zu liebe, so wie der faktisch eigentlich schon seit letztem Montag recht unwahrscheinliche und seit spätestens Freitag abgewendete GAU immer noch als “drohender Supergau” beschrieben wird, wird Tokio jetzt wohl wenn schon nicht von einer radioaktiven Wolke, dann doch wenigstens von verseuchtem Wasser und Lebenmitteln verstrahlt werden… Für uns hier sei jedenfalls der Hinweis erlaubt, dass “Lebensmittel aus Fukushima und Umgebung” nicht gleichbedeutend ist mit “Lebensmittel aus Japan” und selbst die Werte, die gemessen wurden scheinen nur so lange exorbitant wie man keine Vergleiche angeboten bekommt…
Aber he, das ist nur mein Eindruck. Und ich bin weder Atomphysiker noch Radiologe. Nur kritischer Medienkonsument…