Apr
8
2011

Die zehn Gebote

Es gehört zu meinen liebsten Momenten in religiösen Diskussionen über die Bibel und ihre Sinnhaftigkeit zu debattieren. In aller Regel ist es nämlich immer so, dass mein Gegenüber irgendwann anmerkt, mit dem christlichen Wertegerüst seien moralische Werte und Erkenntnisse verknüpft. Meist erwidere ich darauf, dass die 10 Gebote ja wohl nicht besonders hohe Standards vorgeben. Warum? Nun ja… wie wäre z.B. statt allein drei Gebote über die Wichtigkeit Gottes und des Sonntags anzuführen mal die Ansage “Du sollst Frau und Kinder nicht prügeln” oder “Du sollst nicht vergewaltigen” aufzunehmen? Auch mutet die Anweisungen unter gar keinen Umständen zu lügen recht generisch an. Ich würde sogar so weit geben, dass ich ohne Probleme eine ganze Palette von Beispielsituationen erfinden könnte in denen Lügen die richtige Reaktion und moralisch zwingend wäre… Aber ok. Nehmen wir für einen Moment die 10 Gebote einmal wie sie sind.

Was die meisten dann grenzenlos verblüfft ist Folgendes:
In der Bibel stehen zwei völlig verschiedene Versionen dieser 10 Gebote!

In der Schule und in der Kirche hören wir nämlich ausschließlich die Version, die im 5. Buch Mose (Deuteronomium) 5.6 nachzulesen sind. Als kleine Auffrischung seien sie hier noch einmal wiederholt wie die Lutherbibel sie laut www.bibel-online.net anführt (mit kleinen Anmerkungen meinerseits):

  1. Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus dem Diensthause. Du sollst keine andern Götter haben vor mir.
  2. Du sollst dir kein Bildnis machen, keinerlei Gleichnis, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, noch des, das im Wasser unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Missetat der Väter heimsucht über die Kinder ins dritte und vierte Glied, die mich hassen; und Barmherzigkeit erzeige in viel tausend, die mich lieben und meine Gebote halten. (Das war übrigens das Gebot, dass die Taliban dazu brachte, tausende Jahre alte Kunst zu zerstören… Sie haben zumindest gottesfürchtig gehandelt…)
  3. Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht mißbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht. (Wir sind schon drei Gebote weit und haben noch keine moralisch brauchbaren Anweisungen erhalten… Bis jetzt ist Gott mit sich selbst beschäftigt)
  4. Den Sabbattag sollst du halten, daß du ihn heiligest, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Ochse noch dein Esel noch all dein Vieh noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist, auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe wie du. Denn du sollst gedenken, daß du auch Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort ausgeführt hat mit einer mächtigen Hand und mit ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, daß du den Sabbattag halten sollst. (Zum Glück ist das vage formuliert, denn bisher ist noch nicht wirklich klar, welcher Tag denn eigentlich gemeint ist. Nur, dass man keine 7 Tage durcharbeiten soll. Übrigens ist diese Regel Grundlage des hiesigen Gesetzgebung die Sonntagsruhe betreffend)
  5. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf daß du lange lebest und daß dir's wohl gehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. (Ähm… ok… ich glaube, es gibt Eltern, die brauchen nicht geehrt zu werden, aber was solls… bis jetzt sind wir schon durch den halben Dekalog durch ohne echten moralischen Rat)
  6. Du sollst nicht töten. (Gute Idee! Ich habe mich schon immer gefragt, warum gerade religiöse Menschen immer wieder zu Gewalt zu greifen scheinen… Aber prinzipiell ist das wirklich ein wichtiges Gebot. Auch schon jahrtausendealte Gesellschaften waren auf diesen bahnbrechenden Gedanken gekommen)
  7. Du sollst nicht ehebrechen. (Tja… hm… auch das ist sicherlich eine gute Idee… aber dann hätte uns der Herrgott auch ein wenig monogamer erschaffen können, oder? Und wieder stellt sich die Frage, ob es ethisch notwendig ist in mein Liebesleben hineinzubestimmen.)
  8. Du sollst nicht stehlen. (Hey, das klingt doch auch mal solide! Außer jemand stiehlt aus Not… oder Krankheit… hm…)
  9. Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. (Tja. Ich würde sagen, manchmal ist Lügen aber nötig. Fragt mich nach Beispielen wenn ihr nicht selbst auf welche kommt…)
  10. Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Ochsen, Esel noch alles, was sein ist.

Alles in allem finde ich den Dekalog echt dünn. Dafür, dass diese 10 Regeln von Gott an uns Menschen gegeben wurden sind sie moralisch von eher weniger Wert. Als Grundlage für ein ethisches Leben sind sie eigentlich auch nicht geeignet…

Aber zum Glück gibt es einen alternativen Satz ind er Bibel. Das 2. Buch Mose (Exodus) 34 ist da sehr aufschlußreiche Lektüre:

  1. Du sollst keinen andern Gott anbeten. (Hatten wir schon Smile)
  2. Du sollst dir keine gegossenen Götter machen. (und gemalene Bilder sind ok? Oder gemeißelte Figuren?)
  3. Das Fest der ungesäuerten Brote sollst du halten. (oh… verdammt… mit einem Fuß in der Hölle…)
  4. Sechs Tage sollst du arbeiten; am siebenten Tage sollst du feiern, mit Pflügen und mit Ernten. (Damit scheint es ihm ja ernst zu sein. Zum Glück gibt es die Ladenschlußgesetze…)
  5. Das Fest der Wochen sollst du halten mit den Erstlingen der Weizenernte, und das Fest der Einsammlung, wenn das Jahr um ist. (Was für ein Ding?)
     
  6. Dreimal im Jahr soll alles, was männlich ist, erscheinen vor dem Herrscher, dem HERRN und Gott Israels. (nächste Woche bin ich 6 Mal im Flugzeug…  reicht das für 2 Jahre?)
  7. Du sollst das Blut meines Opfers nicht opfern neben gesäuertem Brot (Ok, das habe ich noch nie getan! Uff!)
  8. Das Opfer des Osterfestes soll nicht über Nacht bleiben bis an den Morgen. (Sehe ich auch so!)
  9. Die Erstlinge von den Früchten deines Ackers sollst du in das Haus des HERRN, deines Gottes, bringen. (Hm… mein “Acker” ist schwer zu finden)
  10. Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch. (Hoffentlich vergesse ich das nicht)

Jaja schon klar… Man muß das alles im Kontext der damaligen Zeit sehen…

Bleibt die Frage, warum das “Wort Gottes” so einen Quatsch enthält und wer irgendwann die erste Auswahl getroffen hat und damit unser aller Bild der 10 Gebote geprägt hat…

Und es bleibt mein Eindruck, dass die Bibel als moralischer Lebenskompass unnötig ist. Das bißchen Ethik darin findet man in vielen literarischen Werken, incl. Harry Potter und Herr der Ringe. Oder in seinem eigenen Gewissen, das – so will ich mal anmerken – auch prima ohne das angebliche Wort Gottes auskommt.

Amen.

Kommentare (2) -

Lars

Ja, es gibt zwei "Fassungen" der 10 Commandments und dann gibt es noch die Revelations. Ich bin nicht Bibel-fest, aber durch den Idiots Guide informiert Wink
Deine Exodus Commandments scheinen mir irgendwie eigenartig. Normalerweise sind das diejenigen unter Exodus 20:2-17. Schau dann besser mal hier rein: http://en.wikipedia.org/wiki/Ten_Commandments Dort wird es sehr gut erklärt.

Dirk Primbs

Lars, ich habe hier drei verschiedene Fassungen der Bibel im Regal kath. Bibel, Lutherbibel, Englische St. James Bible und alle enthalten diese seltsame Version...
Ich empfehle nachzublättern oder online zu schauen, ich habe die Stelle ja zitiert Smile

Kommentare sind geschlossen

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Das hier ist ein sogenanntes Web-Log (oder Blog) in dem Dirk Primbs sich selbstdarstellerisch, gelegentlich witzig und manchmal auch zynisch-unfreundlich über eine breite Spanne an Themen ausläßt. Von Religion über Politik bis Technik, Fernstudium und Patchwork 2.0 reicht die Bandbreite, macht da aber nicht halt. Ein Kraut-und-Rübenblog sozusagen. Trotzdem interessant, glaubt Dirk...

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