Jun
22
2011

Was sind eigentlich Apps?

Das weiß ja nun wirklich jeder, oder?

Apps sind die Dinger die man auf Handies installiert, oder auf Tablets… Meist auf solche mit einem Apfel hinten drauf… richtig?

Naja… ein Kern Wahrheit steckt drin, aber das Bild wird dadurch nicht wirklich vollständig.

Versuchen wir uns also zunächst an der puren Wortdefinition.

“App”, so läßt uns Wikipedia wissen, sei eine Abkürzung von “Application Software”. Folglich sei jedes Stück ausführbaren Codes auch eine App.

Wer aber ein Smartphone sein Eigen nennt, der weiß, dass das nur die halbe Wahrheit sein kann, denn intuitiv ist klar, dass ein gewaltiger Unterschied zwischen einer Office Suite und einer Fotosharing-App existiert.

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, mich ausgiebig mit dem Thema zu beschäftigen und denke, dass es eine Reihe Kriterien gibt, die zusammenkommen müssen bevor wir ein Stück Software als App bezeichnen können. Außerdem gibt es noch ein paar weitere, nicht ganz so offensichtliche Eigenheiten der heutigen App Plattformen, doch dazu später mehr…

Welche Kriterien also machen eine App zu einer App? Hier sind die, die mir einfallen:

  1. eine App ist klein genug um in weniger als 3 Minuten installiert und einsatzbereit zu sein.
  2. eine App ist auf einer Smartphone Pattform verfügbar und ggf. noch auf alternativen Umgebungen verwendbar.
  3. Suche, Installation und Bezahlung der Apps ist zentralisiert.

Für mich als Tekki ist dieser letzte Punkt ein sehr wichtiger Aspekt. Denn in vielerlei Hinsicht ist das Konzept der App zunächst eine Standardisierung des Deployments. Seit ich mich mit IT auseinandersetze, war die Methode mit der Software auf den Rechner kommt ein ständiges Problem. Bisher gab es nur zwei Technologien, die das Problem so richtig in den Griff bekamen: Web Applikationen (die im Grunde definiert über Webserver “deployed” werden) und eben die neue Generationen der Apps.

Beide haben gemeinsam, definierte Anforderungen an die Zielplattform zu stellen und in verhältnismäßig kleinen Datenmengen auf das System zu gelangen.

Sobald eine Anwendung größer wird und unterschiedliche Bestandteile benötigt, steigt nicht nur die Komplexität sehr schnell an, sondern es werden eben auch Anforderungen wie Versionierung einzelner Komponenten, Recovery-Mechanismen, gegenseitige Abhängigkeiten etc. essentiell und damit brauchen wir Deploymenttechnologien wie ClickOnce oder dem Windows Installer.

Doch zurück zur App: Sie kommt praktisch ohne all die eben genannten Funktionen aus, ihr Deployment beschränkt sich auf Copy&Paste, Versionierung wird nicht untereinander sondern auf App Basis gemacht. Der Pfad ins System führt über den jeweiligen App Store (und nur darüber).

Während das für den Benutzer in erster Linie sehr bequem und komfortabel ist, hat es für den Plattformanbieter der den jeweiligen Store kontrolliert gleich mehrere Vorteile:

  1. Qualitätssicherung: Durch geschickt definierte Zugangskriterien läßt sich die Sicherheit und Stabilität von Anwendungen besser überwachen als in offenen Systemen.
  2. _Ein_ Kanal to reach them all… Werbung, Positionierung von Apps, billing… alles in einer Hand.
  3. Content und Apphoheit. Ich habe neulich irgendwo gelesen, Smartphone Besitzer würden inzwischen mehr mit ihrem Device interagieren als mit dem Internet. Viele Apps dienen auch fast ausschließlich dem Content Delivery. Praktisch, dass das dann aus einer Hand angefragt wird…

Jedenfalls leben wir in spannenden Zeiten: Steve Jobbs hat kürzlich PCs mit Trucks verglichen. Sie würden zwar immer ihre Berechtigung haben, aber immer weniger Menschen bräuchten und nutzten sie. Damit könnte er wirklich recht haben. Womöglich haben wir irgendwann wirklich meist ein Smartphone oder irgendeine Art von Slate vor uns. Noch bedeutet das häufig, dass wir automatisch einen Apfel nach hause holen. Nicht weil sie der einzige Anbieter wären sondern weil es wohl eine Lösung mit sehr hohem Coolnessfaktor ist.

Apple verdient denn auch ordentlich an genau diesem Effekt und nimmt große Summen an der Hardware ein. Android wiederum treibt Googles Anzeigen und Services Business und ist daher als Plattform für lau zu bekommen mit vielen unabhängig erarbeiteten Budget Geräten. Das läßt diesen Markt für Endkunden fragmentiert aussehen. Microsoft als dritte Größe wiederum hat eine sehr vollständige Plattform, verdient aber ganz klassisch bisher an den Lizenzen.

Und dann ist da noch ein stiller Gigant im Hintergrund. Na? Kommt jemand drauf? Genau! Amazon. Die sitzen nämlich nicht nur auf Unmengen von digitalem Content sondern ermöglichen durch ihre Retail Infrastruktur auch noch das perfekte Online-Shopping-Erlebnis. Ihre Cloud Plattform ist unter vielen Online Diensten verbaut und macht sie damit ebenfalls zum Player.

Nun bleibt die Frage: Wohin geht die Reise?

Polieren wir also die Glaskugel und versuchen uns im “educated guessing”. Hier kommen meine Thesen:

  1. Hardware Brands werden an Bedeutung verlieren: In absehbarer Zeit wird die Hardware für Phones und Pads im großen und ganzen vergleichbar sein. Der Besitz eines Pads oder Smartphone von den Anwendungsfällen getragen sein statt als Statussymbol zu dienen und Anwendungen werden gleichermaßen auf allen gängigen Plattformen verfügbar sein, manch ein Hersteller wird wege finden, seine Geräte mit Einnahmen aus Diensten und Inhalten querzusubventionieren. Die Preise werden dadurch massiv fallen und die Geräte in aller Hände sein.
  2. Wichtig wird sein, wo welcher Content zu finden ist. Software kann in diesem Zusammenhang durchaus auch als Content verstanden werden, schließlich sind Spiele oft durchaus vergleichbar mit interaktiven Filmen und viele Apps dienen auch heute meist dem Zugriff auf verschiedenste Konsummedien.
  3. Auf welcher Infrastruktur die verschiedenen Dienste und Anwendungen laufen werden ist ein weiteres kritisches Element. Hoster, Cloud Angebote, Storage sind die Stützen auf denen das gesammte neue IT Gebäude steht. Da war es interessant zu sehen, dass Apple ein eigenes Cloud Angebot hochzieht und es sogar geschafft hat, damit in das Bewußtsein der Endkunden vorzudringen (etwas, dass bisher kein anderer Cloudanbieter geschafft hat)

Nach diesen Thesen werden die großen im Markt sich durch Hoheit über App Stores, Content Pools und Backend Services bzw. Cloud Infrastrukturen auszeichnen.

Doch irgendwie kann das nicht alles sein. Wo z.B. ist facebook in diesem Bild? Nicht wenige vermuten, es würde sich zum Suchanbieter von morgen entwickeln. Von Google glaubt mancher, es wäre auf dem Weg Plattformanbieter ähnlich wie heute Microsoft zu werden und Amazon könnte unter Umständen ja mit einem eigenen Tablet kommen?

Apple hingegen will alles auf einmal sein und Microsoft zimmert gerade eine der leistungsfähigsten Infrastrukturen hoch ohne jedoch auf all dem schönen Content zu sitzen den Apple & Co für sich beanspruchen.

Was ich vermisse sind Nintendo und Sony… beide bieten sich mit ihren mobile gaming Plattformen und ihrer Unmenge an Medieninhalten eigentlich als Akteure an…

Kommentare (4) -

Lars

Dirk, ich teile deine Gedanken. Ich denke auch, dass die Zukunft sehr App lastig sein wird. Das führt zu einer Vereinfachung der Software, was mir als Nutzer natürlich sehr entgegen kommt.
Mit Apples Qualitätskontrolle tue ich mich aber sehr schwer. Diese hat Apple inzwischen zu weit getrieben. Sie bestimmen was ich nutzen darf und was nicht. Sie entmündigen in einigen Fällen die Nutzer und verhindern damit vielleicht auch die eine oder andere Innovation.
Und die Frage der Portabilität ist auch nicht geklärt. Wenn ich dann für einige hundert Dollar Apps gekauft habe und beschliesse auf Android oder (ich nehme mal) Win8-Apps umzusteigen, dann ist mein Geld futsch.

Dirk Primbs

Hi Lars,
Du hast ganz recht: Zentrale Kontrollen bedeuten weniger Freiheit, manches mal Innovationsblokade und zumindest zur Zeit sind die Apps nur beschränkt portabel.
Allerdings war dieser letzte Punkt schon immer so. Bis heute gibt es keine echte Kompatibilität für nativ auf einer bestimmten Plattform entwickelte Programme. Oder hast Du Dir schon mal überlegt was aus Deiner Investition in Photoshop wird wenn Du von Mac (wo Du es gekauft hast) auf PC umsteigst?

All die Technologien, die vollmundig angetreten sind, der Welt die Plattformunabhängigkeit zu bringen (C, C++, Java...), sind daran bisher mehr oder minder kläglich gescheitert. Zu einem gewissen Grad liegen nun die Hoffnungen bei den Web Technologien, aber auch da gibt es Abstriche in der Kompatibilität, spätestens wenn es um die Backendsysteme geht.

Laughing

Lars

Da hast teilweise Recht. Aber gerade bei teurer Software gibt es zumindest die Möglichkeit von Emulatoren. Mein Dreamweaver und Office 2007 laufen glücklich unter Linux Mint mit wine. Solange die Power auf der Maschine stimmt gibt es kein Problem.
Es ist mehr das Problem, dass von der App wirklich gar nichts bleibt nach einem System Wechsel. Selbst wenn es Emulatore gäbe, kann man die App ja nicht "mitnehmen". Es gibt zudem auch keine "Dateien" mehr, die man transferieren könnte. Die (ich weiss lächerlichen) Spielstände von Games würde ich auch gern Plattform-übergreifend bewegen können.
Auch wenn Apple, Google und Co argumentieren, dass das schon immer so war, dann zählt das nicht. Die Apps verändern die Art und Weise wie wir Software empfinden und benutzen. Können die Jungs auf dem Weg zu dieser grossen Software Revolution nicht gleich das Problem der Portabilität beseitigen. Sei es über App Standards oder eine gemeinsame Datenschnittstelle.

Dirk Primbs

Was die Portabilität von Daten angeht, wird das in Zukunft Aufgabe der Cloud-Angebote sein. Bei Spielen funktioniert das z.T. schon so. Beispielsweise lassen sich XBox-Spiele, PC Spiele und Windows Phone Spiele synchron halten per Xbox live und Apps wie die Kindle App machen das auch schon so.

Emulatoren sind vermutlich auch eher eine Frage der Zeit, für Windows gibt es die, für Android habe ich gehört gäbe es auch welche...
Aber im Prinzip hast Du natürlich recht...

Kommentare sind geschlossen

Was soll das hier?

Das hier ist ein sogenanntes Web-Log (oder Blog) in dem Dirk Primbs sich selbstdarstellerisch, gelegentlich witzig und manchmal auch zynisch-unfreundlich über eine breite Spanne an Themen ausläßt. Von Religion über Politik bis Technik, Fernstudium und Patchwork 2.0 reicht die Bandbreite, macht da aber nicht halt. Ein Kraut-und-Rübenblog sozusagen. Trotzdem interessant, glaubt Dirk...

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